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DER NACKTE BLICK / The Naked View


Buch-Edition „Der nackte Blick“
Fotografien von Angela Dorrer und Aphorismen von Stefan Lindl.
Umfang 44 Seiten mit 15 farbigen Abbildungen
Format 115 x 120 mm, Auflage 50, handsigniert und handgebunden.










MARMORJESUS
Aquileia / Italien 2004



Die griechischen Götter wurden nackt dargestellt, ohne Kleidung, das heißt ohne menschliche Kultur an ihren Körpern. Götter brauchen keine Kleider. Schließlich sind sie Götter und keine Menschen. Sie sind Un-Menschen, sind un-kultiviert, sind geworden ohne das Zutun der Menschen.



















STEFAN IM PARK
München 2000


Verliert das Nackte seinen Wert, verliert es seine Heiligkeit, dann wird das Nackte meist schonungslos kultiviert. Chirurgen beginnen den Körper zu verformen mit Skalpellen, mit Silicon, sie machen mit ihm das, was die Römer beim ackern auf den Landgütern betrieben: cultura. Sie kultivierten etwas, das zuvor geworden, das zuvor nackt war.







































DISTELFINK
München 2005



Aus der Perspektive der Kultiviertheit der Menschen ist Nacktheit, das Fehlen der cultura des Köpers, entweder Vorrecht der Götter, die der menschlichen cultura nicht bedürfen, oder besonders unheilig, also antastbar, verletzbar, jagdbar, unwürdig, beherrschbar.







































BAUM NÜRNBERG
Nürnberg 1997



Nacktes entbehrt der Überformung, entbehrt der cultura, die eine Sache der Menschen ist. Ur-wald ist ein gewordenes, nacktes Stück, während seine Rodung ein großartiges Stück Kultur ist, mit dem Ackerland gewonnen wird. – Cultura in Reinkultur.



























































ZUNGE/SPRACHE
1997



Auf Nacktes blicken, scheint leicht verständlich, bedeutet es doch nichts anderes, als daß der Betrachter Nacktes sieht. Und wo sieht der Betrachter nicht Nacktes? Auf Werbeflächen aller Mediengattungen, in der Kunst, der Aktphotographie, in der Pornographie. Kaum kann er sich dem Nackten entziehen.



























































BLUT UND MILCH / PAAR
1997



Das Nackte ist nackt, weil es keine Blenden um sich hat, die das Nackte von den Blicken der Betrachter abschirmen könnte. Es ist nackt, weil es pur ist, weil es so ist, wie es ist und so belassen wird, wie es ist.



























































BLUT UND MILCH / WAAGE
1997



Nackt blicken, bedeutet unreflektiert, unkultivierend blicken. Ohne cultura: Aus diesen Wesenszügen läßt sich ableiten, was den nackten Blick auszeichnet. Jener Blick, der das, was es erblickt, als das beläßt, was es ist.



























































NEVADA
Deth Valley 2003



Doch was treibt der Mensch, wenn er nackt blickt? Bezeichnet der nackte Blick die simple betrachtende Beziehung des Betrachters mit dem Nackten? Also: Wenn der Betrachter Nacktes erblickt, blickt er nackt? Ein nackter Körper wird nackt erblickt – ist es das, was nackt blicken meint? – Nein.






























































SCHLÜSSELPÄÄRCHEN
Montreal 2002



Der nackte Blick erheischt das Undeutbare, weil es für den Betrachter eindeutig ist. Es gibt am Nackt-Erblickten nichts hinzuzuassoziieren. Es ist reiner Text ohne Interpretationen. Man erblickt, wie es ist.



























































NEHMET UND ESSET
Autoportrait mit Silberteller und mundgeformten Keksen 1997



Der nackte Blick fällt auf etwas Unverstelltes, das spontan eine Bedeutung hervorruft. Jener nackte Blick ist der erste Blick, der „auf-den-ersten-Blick“, der vielleicht nur für einen Bruchteil einer Sekunde existiert, sich sogleich sich selbst wieder verstellt, sich selbst kultiviert und sich assoziierend durch Bedeutungen überlagert.







































DANIELS ZIMMER
aus der Serie
Neustadtl an der Donau / Österreich 2004




Unschärfe oder Abstraktion läßt keinen nackten Blick zu. Sie geben Rätsel auf. Was ist das, was man sieht? Sofort sind die individuellen Fähigkeiten gefragt, die versuchen, das Betrachtete zu entschlüsseln. Ein nackter Blick auf das Gegenständlich, Scharfe, braucht keine Decodierung, weil es nicht codiert ist: Es ist offenbar, was man sieht.







































FISCHE
Bangkok 2005



Der nackte Blick konstituiert sich aus der allgemeinen Augenfälligkeit des Betrachteten, das keine unterschiedlichen, vielfältigen und individuellen Bedeutungsebenen hat. Nackt ist, was nicht individuell ist.







































MUR
Graz 2003



Jede Vorstellung, auch eine, die spontan hervorgerufen wird, wie im Falle des nackten Blicks, beruht auf der Sozialisation des Betrachters. Weitgehend ist der nackte Blick eine soziale Größe, eine gesellschaftlich geformte Möglichkeit des Blickens, die die Individualität des Blickens ausklammert, die eine Ähnlichkeit, eine Gemeinsamkeit des Betrachtens in sich trägt.







































BAGDAD
aus der Serie
Los Angeles 2003



Dieser Zustand des Blickens währt nicht lange. Denn der Mensch ist die Kultur. Geradezu zwanghaft muß kultivieren er, muß deuten und deuteln. Er ist der zwanghafte Ackerbauer und zwanghafte Individualisierer, des Sichtbaren sowie des Unsichtbaren.







































SYLVESTER
Praterinsel München 2003



In aller Flüchtigkeit verliert sich der nackte Blick in den Webstühlen der Synapsen und Dendriten, je länger der Blick auf dem Betrachteten ruht. Der nackte Blick verflüchtigt sich, kippt ab in die Kultur.













-> zu "Nackt" von Stefan Lindl



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