 |
|
 |
 |
 |
|
|
 |
 |
 |
 |
Hannes Fehringer
WETTE VERLOREN – EIN AMSTETTNER LEERBEISPIEL
Wette verloren. »Die schafft das grade mal einen Monat, Topp!« Mitnichten! Schon nach zwei Wochen pickte wieder Packpapier an den Auslagen der Boutique, nur die grüne Aufschrift klebt immer noch auf der Fassade unter der Dachrinne: »United Colors of Dorrer«. Die Passanten mutmaßten: Wahrscheinlich waren der Inhaberin, wohl einer gewissen Frau Dorrer, wie das Schild schlussfolgern lässt, die Mieten des Hausherren zu hoch. Oder die Frequenz in der Amstettner Innenstadt zu gering. Kein Einzelschicksal bei dem Dutzend leer stehender Lokale hier.
Dabei hatte alles so gut angefangen. Eine tolle Presse hat sie gehabt, mit Respekt, die Frau Dorrer. Nachforschungen in der Umschlagbörse für gehobenen Stadttratsch – also im Kultur-Café Zum Kuckuck, dessen Publikum sich zur klügeren Hälfte der Menschheit zählt – haben ergeben, dass die Frau Dorrer den schönen Vornamen »Angela« trägt. In den lokalen Gazetten wurde sogar eine große Modenschau abgelichtet, bei der nicht nur die Mannequins und die Dressmen ins Rampenlicht gezerrt wurden, sondern das ganze Geschäft United Colors of Dorrer. Sogar Besuch aus dem deutschen Ausland war zur Eröffnung angereist gekommen, was umso mehr erstaunen lässt, dass der Zauber tags darauf schon wieder vorbei war: Keine Bluse mehr an den Haken, die Schaufensterpuppen splitternackt, völlig hüllenlos.
Angela machte den Laden dicht, was uns nicht in den Kopf gehen will. Die Münchnerin war bald unser aller Stolz, hatte bald bei vielen Leuten einen Stein im Brett. Sie hatte ein offenherziges Wesen, keine Scheu, Freundschaft zu schließen. Man könnte meinen, sie war im Begriffe, alleine mit ihrer Erscheinung und ihrem Auftreten ihren persönlichen Kundenkreis zu schaffen. Mit besagtem Kultur-Café Zum Kuckuck wäre mit ein wenig gut Zureden vielleicht sogar eine geschäftliche Zusammenarbeit möglich gewesen. Wenn sie im Kaffeehaus zu Verlängerten, Jasmintee und Bier auch die Menus vom Chinarestaurant nebenan und Gesundheitsschuhe aus dem Waldviertel verscherbeln, hätten sie zwischen zwei Achterl Grünen Veltliner auch Dorrers Klamotten auf den Markt werfen können.
Als Federkleid für schräge Vögel hätte das Stoffzeug getaugt, zumal hier gleich eine ganze Kolonie nistet. Etwas in X-Large beispielsweise für Adam, einen Beuteösterreicher aus Griechenland, dessen Deutschkenntnisse nicht einmal mehr die Kniffelrätsel der österreichischen Tageszeitung Standard oder die Um-die-Ecke-Denker des deutschen Wochenblattes Die Zeit fordern können. Mütze und Mantel aus Dorrers Kollektion hätten ihn von der Zuhörenswürdigkeit auch zur Sehenswürdigkeit gemacht. Oder die Wirtsleute selber: Roman und Ingrid M., die einst einen Plattenladen besaßen, dann auf Kaffeehaus
mit Krimskrams umsattelten und ihr Beisl bei Veranstaltungen des autonomen Kulturvereines »Kulturhof. Amstetten« zur Denkerstube eines »philosophischen Cafés« verwandeln. Natürlich wird am Stammtisch auch Fußball und Schirennen geguckt, dann aber O-Ton – »ohne Ton« des Fernsehkommentators, stattdessen mit einem Brainstorming anwesender Lästermäuler. Für die Blödler hätte Angela sicher etwas Legeres gefunden. »Dick« und »Andi«, zwei Künstler, zu deren Disziplinen auch das Leben gehört, hatten schon Anprobe bei Angela. Die beiden stolzierten auch über den Laufsteg bei Dorrers Modenschau. Nur ein Witz, dass die Stammtischrunde ihnen die Schuld gegeben hat, dass United Colors of Dorrer die Rollbalken senken musste.
In Wahrheit müssen wir die bittere Pille schlucken und einen herben Nachgeschmack auf der Zunge erdulden, den uns Angelas Abgang beschert hat: Ihr Sammelsurium aus aller Welt in ihrem Second-Hand-Shop, verbunden mit dem Spleen, dass alle Vorträger der Klamotten auf den Namen Dorrer hören müssen, hätte nie wirklich eine Zukunft in dieser Stadt gehabt. Nächste Woche soll in dem leeren Geschäftslokal die Filiale irgendeiner Drogeriekette aufsperren.
Aus: “U C D - United Collection of Dorrer”, 160 Seiten, 82 Farbseiten, German/English, essays by Thomas Macho, Andreas Kühne, Hannes Fehringer und Stefan Lindl, Verlag für Moderne Kunst Nürnberg 2005
>>text main
|
 |
 |
|
| |
 |
|
 |
|
 |
  |