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Stefan Lindl

MODE UND TOTEMISMUS

Modedesigner werden von Menschen, die nicht Rädchen im Modesystem oder Bewunderer dessen sind, oft ein wenig scheel angeschaut, weil sie sich scheinbar darin tapfer ergehen, Formen, Zeichen und Texturen möglichst sinnentleert, aber dafür besonders schön um Körper zu drapieren. Von der Freiheit des Designs wird dann gesprochen, wenn das Design in sich zwar ästhetisch geschlossen ist, aber sonst keinerlei politische, gesellschaftliche, künstlerische Bedeutungsebenen aufweist und mit herkömmlichen oder gewöhnlichen Assoziationen seiner Ästhetik nichts mehr zu tun haben möchte. Es werden rhetorische Figuren verwendet, gerne die der Ironie. Wenn Chanel Accessoires wie beispielsweise Handtaschen in Form von Musikkassetten oder Kubricks Zauberwürfel gestaltet, dann ist das zutiefst ironisch: Der Schein verspricht, was der Inhalt nicht leisten will. Das ist amüsant, möglicherweise frech und zeugt von ausgelassener Spielerei. Um sie dreht sich schließlich die Lust an der Oberfläche.

Natürlich sieht Modedesign nur völlig sinnentleert aus, wenn es auf einer bestimmten Ebene betrachtet wird. Gut entworfene Kollektionen sind immer kohärent geschlossen, bilden ein visuell logisches System aus. Stilistisch passen die Teile der Kollektion zusammen, enthalten signifikante Designmerkmale beispielsweise einer Epoche oder eines Lebensstils. Der Sinn offenbart sich weniger im detaillierten Wissen über sozio-politische Zusammenhänge, die ein Zeichensystem ganz ursprünglich repräsentierte, als in der Logik der repräsentierenden Formen des Zeichensystems selbst. Hervorragende Kollektionen guter Modedesigner zeichnen sich durch die Kohärenz ihrer visuellen Logik aus. Ein Designer versucht, einen Gedanken, eine ästhetische Vorstellung in spielerischer Weise in mehreren Kleidungsstücken und Accessoires zu realisieren. Dabei ist es entscheidend, dass Textur, Farbe, Formen in schlüssigen Beziehungen zueinander und zu der Anlassbezogenheit der Kleidung stehen.

Totemdesign

Ohne den Ruf, die Aura eines Modelabels, ist eine Kollektion jedoch noch lange nicht gut und vielbeachtet, obwohl sie qualitativ hochwertig und hervorragend gestaltet sein mag. Es bedarf deswegen der Zeit, durch Inhalte ein Modelabel zu positionieren. Nur wenn das Label immer wieder Aufmerksamkeit erregt, wird es einen Nimbus bekommen – welcher Art auch immer dieser Nimbus sein mag, ob Westwood-Punk oder Armani-Kühle oder Chanel-Eleganz oder Girbaud- Rotzigkeit. Erst dann, wenn der Nimbus geschaffen ist, wird das Label ein Label sein, erst dann ist es ökonomisch gut, erst dann hat es Marktwert. Eine Kollektion braucht also ihre Legenden, ihre Geschichten über ihre Helden. Chanel ohne die Legenden über Karl Lagerfeld und Coco Chanel, was wären die Kollektionen schon wert? Was wäre die Linie Dior homme ohne den als genial verschrienen und rockmusikbesessenen, photographierenden Hedi Slimane, den Liebhaber der schlank-schlacksigen männlichen Form? Erst die ewige Reproduktion der Legenden schafft die Begierde.

Ein schönes Beispiel dafür, wie wichtig die Legenden sind, gibt www.vogue.de. Dort findet sich unter dem Menupunkt »Who is who« geradezu eine Legenda Aurea des Modedesigns, eine Bibliothek von Heiligen-viten und Wundererzählungen. Karl Lagerfeld, ehemals dicklich und überaus barock geformt, verlor mit proteinreicher Kost, bestehend aus Kaviar, Krabben und Austern, 42 Kilo. Ein Wunder der Disziplin, der Ausdauer, des Selbstdesigns. Und warum tat er das? Der Gesundheit wegen? Der ewig rackernden Bauchspeicheldrüse zuliebe? Weit gefehlt: Nur um in die schlanken Anzüge von Hedi Slimane zu passen, speckte der große Karl ab: Eine Doppelhelix-Legende, die beiden dient.

Hat man nun ein Kleidungsstück aus der kreativen Kollektion einer solchen Legende gekauft, schlüpft man hinein in eine Art Brandeum, in eine Berührungsreliquie. Brandeum hieß der Stoff, der einmal mit einem Heiligengrab in Berührung kam und nun nach der Berührung selbst heilig wurde. Mit dem Überziehen dieser zweiten Haut wird der Träger selbst zum Design des Stardesigners. Der Designer formt kraft seiner Kreativität den Körper des Bekleideten, der zu seiner Schöpfung wird. Im Teil der Kollektion wohnt das Label, wohnt der schöpferische Designer, wie in der belebten totemistischen Welt des Animismus. Wie den Steinen in den ozeanischen Kulturen ihr Wert als Zahlungsmittel danach beigemessen wird, welche Legenden in ihnen ste-cken, so besitzt das Kleidungsstück einer Kollektion einen totemistischen Wert des Labels, der sich durch die Legenden zusammensetzt. In jedes Kleidungsstück einer Kollektion eines berühmten Designers schlüpft man auch wie in ein unsichtbares Kleid der Legenden und Erzählungen, in ein Brandeum.

Es sind diese archaischen Funktionsweisen des Animismus und des Totemismus, die den Marktwert der Labels bestimmen, die bereits in Kinderherzen die Wünsche nach bestimmten Marken und Labels entfachen und zu Gruppenzwängen führen.

UCD Inversion

Die Chefdesignerin des Labels United Collection of Dorrer (UCD) verkehrt alles, was im Modesystem Garant für Marktwert und Umsatz ist. Angela Dorrer hinterfragt ganz nebenbei, ganz spielerisch und ganz unauffällig das gesamte, über lange Jahrzehnte gewordene Modesystem. Sie überschreibt die ursprünglichen Bedeutungen der Elemente des Modesystems, gibt ihnen neue Aufgaben, die ihnen zuvor nicht bestimmt waren. Die Legenden, das Teilhaben an der Legende, das totemistische Markendenken der Designer, die Kunden – all diese Teile werden neu definiert zu einem anderen Ganzen, das UCD heißt.

Im Gegensatz zu den Kollektionen der Labels, der großen Modehäuser, ist UCD eine Kollektion von Labels. Es gibt keine saisonale Ausrichtung der Kollektion, keine pompösen, glamourösen Auftritte in Mailand, in Paris. Nein, UCD ist leiser, bestimmter. Das Label taucht beispielsweise als Ladengeschäft in Amstetten auf oder in einem Gasthof in Graz. Nicht weil dort die Weltpresse und die umsatzstarken Einkäufer lauern. Dort sitzen die Dorrers, nirgendwo sitzen so viele von ihnen wie in Amstetten in Niederösterreich. Grund genug für UCD dort aufzuschlagen. Dorrers sind alles an diesem Label. Sie sind die Designer, die Legendenbilder, eine von ihnen fügt die Kollektion zusammen, auch sind sie die Models, die die Mode präsentieren: UCD – United Collection of Dorrer. Die Kollektion entsteht entgegen der Gepflogenheiten der Stardesigner, die versuchen, Einheitlichkeit in ihre Kollektion zu bekommen. Die UCD–Kollektion wächst nach einem Zufallsprinzip. Die Künstlerin Angela Dorrer bat Personen mit dem gleichen Familiennamen in dieser Welt, sie mögen ihr ein Kleidungsstück schicken, einen Repräsentanten, der sie über Jahre begleitet und bekleidet hat. Sie sandten nicht einfach irgendwelche Kleidung, sondern Stücke, die einschneidende, prägende, bedingende Phasen ihres Lebens repräsentieren. Es sind auratische Kleidungsstücke, die mit Individuallegenden behaftet sind. UCD ist eine Kollektion von Legenden und nicht die Kollektion einer Legende.

Wer diese Kleidungstücke anzieht, schlüpft in etwas, das nicht das Eigene ist. Die Erinnerungen halten auf Distanz, repräsentieren nicht den momentan Bekleideten. Er oder sie passen nicht mit diesen Kleidungsstücken und vor allem nicht mit deren Erinnerungen zusammen. Sie halten sie auf Distanz. Fremd in der Kleidung, in fremden Repräsentationen, in fremden Erinnerungen. UCD produziert das Gefühl von Fremdheit.

Die Kleider sind über ihre Träger erhaben. Sie bleiben immer über die Träger erhaben. Dagegen sind die Anzüge, die Kostüme eines Slimane oder eines Lagerfeld bis auf ihre Schöpfungsgeschichte und Legenden sowie ihren dadurch entstandenen totemistischen Wert neu. Sie warten noch auf Individuallegenden ihrer Träger. Irgendwann, wenn der Stil, der Habitus des Bekleideten dem Designerstück entspricht, wird die Fremdheit vorbei sein. Doch solange ein Kleidungsstück der UCD-Kollektion unzertrennbar mit seiner Legende verwoben ist, wird die Distanz nicht aufhören. Die Geschichten, die Legenden und das ihnen entsprechende authentische Stück trennen, halten auf Distanz, lassen ein gegenseitiges Repräsentieren nicht zu.

Darin zeigt sich, wie vielschichtig das Projekt United Collection of Dorrer ist. Es erscheint oberflächlich wie ein Modelabel. Doch eigentlich funktioniert das Ladengeschäft von UCD wie eine parlamentarische Demokratie: Es finden sich dort die Repräsentanten einer möglichen Sippschaft, die Repräsentanten der Dorrers. Ein Sammelsurium, ein Archiv, ein Museum voller individueller, bewegender Geschichten, die von Erfolg, Entwicklung, persönlichen Schicksalen zeugen. Ergreifend daran ist das Authentische, die wahre Korrespondenz zwischen einem authentischen Kleidungsstück und einer persönlichen Geschichte. Durch die Nacktheit, die Direktheit dieser Ausstellungsstücke, durch ihre Aura bekommt UCD eine Kraft, die nicht einmal die schönen Legenden der Modeschöpfer erreichen. Doch gerade dieser Wesenszug der UCD-Kollektion schafft keine Einheit der Dorrers. Zwar sind die Repräsentationen dieser Namensträger in einem Raum versammelt, aber eine sippenartige Zusammenkunft, eine Einheit, ein festgepresster Klumpen entsteht nicht daraus: Die Vielfalt der Dorrers bleibt erhalten, jeder für sich, jeder in seiner unangreifbaren Erhabenheit. So eröffnet das Kunstprojekt UCD auch eine Reflexionsebene über den Diskurs der Gemeinschaft. Gemeinschaft muss nicht die Vernichtung der Vielfalt bedeuten, sondern kann das Erhabene jedes Individuums der Gemeinschaft erhalten, bewahren, ohne auf es einzuwirken. Wie in der Komödie gipfelt UCD in einem Fest, ein kurzes schönes Treffen der Unterschiedlichen. UCD vernetzt das Fremde, ohne es durch einen Gedanken zu dominieren.

Aus: “U C D - United Collection of Dorrer”, 160 Seiten, 82 Farbseiten, German/English, essays by Thomas Macho, Andreas Kühne, Hannes Fehringer und Stefan Lindl, Verlag für Moderne Kunst Nürnberg 2005

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